Aktien: Nach der Krise ist vor dem Gewinn

Wenn der Begriff „Berg- und Talfahrt“ jemals an Börsen zutraf, dann in diesem Frühjahr. Die Corona-Pandemie hat zu extremen Kursverläufen an den Wertpapiermärkten der gesamten Welt geführt. Inzwischen ist zumindest in Europa eine deutliche Erholung zu spüren. Viele Investoren hoffen auf einen weiteren Kursanstieg. Worauf sollten Privatanleger achten, um von der Krise weiter zu profitieren und zugleich Risiken zu minimieren?

Das Szenario: DAX zwischen den Extremen

Die Corona-Pandemie hält die Aktienmärkte seit Februar in Atem. Der Dax konnte Mitte Februar 2020 mit 12.559 einen Spitzenwert erreichen. Diese Punktzahl schafft der deutsche Leitindex trotz relativ ungünstiger Vorzeichen. Dann kam die Pandemie nach Europa und in nur vier Wochen verlor der Index fast 40 Prozent. Ein Absturz, der seines Gleichen sucht. Er erreichte nur noch 8.441 Punkte. Seitdem klettert der Index wieder beharrlich und hat wieder einen Wert von deutlich über 12.500 Punkten erreicht.

Niemand weiß, ob dieser Zwischensprint nachhaltig ist und die noch ausstehenden Ergebnisse aus dem zweiten Quartal oder gar eine neue Infektionswelle überstehen kann. Klar ist aber: Wer kühlen Kopf bewahrt hatte und keine Notverkäufe getätigt hat, ist auf dem Weg, den Verlust zu minimieren. Alle anderen, darunter viele Privat- und Kleinanleger, müssen nun Wege zurück in den Markt suchen. Denn Konjunkturprogramme, die weiterhin niedrigen Zinsen sowie fehlende Alternativen lassen aus Investorensicht kaum ein anderes Szenario zu. Allenfalls Immobilien sind noch interessant. Aber in diesem Markt sind Objekte in Top-Lagen kaum noch bezahlbar. Folglich sollten Anleger Aktien und andere Wertpapiere wieder ins Auge fassen.

Zu Beginn: Kosten reduzieren!

Ob Anleger an den Markt zurückkehren oder die Krise als Chance nutzen möchten: Sie sollten die Kosten reduzieren. Das heißt: Das kostenlose Depot sollte selbstverständlich sein. Daher rücken Direktbanken und Online-Broker in den Fokus. Mit einem Vergleich lassen sich darunter auch die Broker finden, die attraktive Konditionen beim Handeln bieten. Denn wichtig bei schwankenden Kursen ist, die Einkaufskosten so gering wie möglich zu halten. Das sichert Rendite schon bei leichten Ausschlägen nach oben.

Anleger sollten daher prüfen, ob ihre bisherige Bank bzw. ihr Broker wirklich die besten Konditionen bietet. Wer die Tradinggebühren senken kann, profitiert schneller von steigenden Kursen und macht einen zusätzlichen Gewinn. Sollte der Depotumzug erforderlich sein, geht das bei den meisten Anbietern auf Knopfdruck und völlig problemlos. Ein abschließendes Prüfen der Bestände ist selbstverständlich dennoch sinnvoll.

Auf der Suche nach den Schnäppchen

Die Krise hat viele Kurse purzeln und sich wieder erholen lassen. Allerdings ist das Bild alles andere als einheitlich. Während konservative Werte in der Regel ohne extreme Kursschwankungen durch die ersten Monate der Pandemie kamen, gilt das speziell für die sogenannten zyklischen Aktien nicht. Diese sind aktuell zwar durch schwache wirtschaftliche Daten belastet, aber auch extrem günstig. Auf der Suche nach Schnäppchen sollten Anleger daher einerseits genau hinsehen und vorsichtig sein, andererseits Chancen ausloten und ergreifen.

Branchen (aus-) sortieren

Aktuell ist völlig unklar, wie Luftfahrtaktien, Aktien des Automobilsektors, der Stahlbranchen oder des Maschinenbaus, Chemieunternehmen, aber auch Aktien aus den Bereichen Tourismus, Spirituosenhersteller und Events durch die Krise kommen. Von solchen Aktien sollten Anleger tendenziell Abstand halten.

Spannend sind dagegen Zukunftsthemen. Obwohl sie teilweise bereits einen Kursanstieg verzeichnen konnten, sind Biotechnologieunternehmen, Pharmakonzerne, der gesamte Gesundheitsdienstleistungssektor und IT-Anbieter Ziele für zukunftsorientierte Investments. Gleiches gilt unter anderem auch für erneuerbare Energien, Energieversorger, Entsorgung sowie klassische Konsumgüter- und Inline-Aktien. Bei Immobilienaktien kommt es auf die Unternehmensausrichtung an. Aroundtown als Unternehmen mit Schwerpunkt bei Gewerbeimmobilien ist aktuell wegen drohender Insolvenzen der Gastronomie und des Einzelhandels etwas riskanter als Deutsche Wohnen oder Vonovia.

Wer bei den Branchen eine sinnvolle Vorauswahl trifft, kann Risiken reduzieren und Chancen ergreifen. Dennoch sind auch unter riskanten Aktien einige dabei, die deutlich unterbewertet sind, und bei chancenreichen Branchen gibt es zweifelhafte Aktien.

KGV prüfen

Ein vielfach beachteter Faktor bei der Suche nach Schnäppchen ist das KGV – Kurs-Gewinn-Verhältnis. Dieser Quotient steht für die Anzahl der Jahre, die ein Unternehmen benötigt, um mit dem Jahresgewinn seinen Börsenwert zu erwirtschaften. Je niedriger der Wert, desto attraktiver, also günstiger, ist die Aktie. Im Regelfall sind bereits Werte um 10 herum äußerst interessant, noch niedrigere wirken richtig günstig. Andererseits kann ein KGV von 18 oder 20 ebenfalls attraktiv sein.

Es kommt beim KGV immer auf Referenzdaten aus der Branche an sowie den Verlauf über die letzten zwei bis drei Jahre. Denn zum einen haben die Marktsegmente häufig unterschiedliche typische KGV-Spannen. Zum anderen können die Werte Jahr für Jahr erheblichen Schwankungen unterliegen. Wie immer gilt auch hier: Das Gesamtbild ist entscheidend. Dennoch weisen aktuell extrem niedrige KGV-Werte auf eine Unterbewertung und somit einen Einstiegskurs hin.

Wer sich unsicher ist, sollte zusätzlich die PEG-Ratio hinzuziehen. Dieser Kennwert setzt das KGV mit der Änderung des Gewinns in Bezug. Ein Wert von unter 1 weist auf eine Unterbewertung des Papiers hin, einer über 1 zeigt eher einen zu hohen Preis.

Aktuelle Quartalsmeldungen heranziehen

Speziell bei der Schnäppchensuche in der Krise sollten Anleger auf Quartalszahlen achten. Das erste Quartal 2020 wird bei vielen noch in Ordnung sein. Zeigen sich hier bereits erhebliche Probleme gegenüber den Erwartungen und spiegelt das der Kursverlauf noch nicht wider, droht hier ein Kursrutsch. Erst diesen sollten Anleger zum Einstieg nutzen – sofern der Ausblick eher positiv ist. Ist das erste Quartal noch positiv, kann ein Vergleich mit dem Vorjahresergebnis einen Anhaltspunkt für die weitere Betroffenheit durch die Krise geben. Es ist ratsam, die Quartalsergebnisse in Kombination mit den anderen Eckwerten zu lesen und speziell den Ausblick zu bewerten.

Chartverlauf prüfen

Schließlich sollten Anleger auch einen Blick auf den Chart des Jahres werfen. Ist der Kursrutsch aus März schon aufgeholt? Dann ist das Risiko gering, aber eventuell gibt es kurzfristig auch kein großes Potenzial mehr. Ist der Rutsch gar nicht ausgeglichen, spricht das hingegen für substanzielle Probleme. Hier ist Vorsicht geboten. Steigt der Kurs nur langsam, kann das der Hinweis auf Chancen durch Geringbewertung sein. Hier gilt es jedoch, andere Daten heranzuziehen. Wer mag, legt noch die 30- oder 200-Tage-Durchschnittskurve über den Chart. Schickt sich der Kursverlauf an, beide zu erreichen oder drüber zu liegen, spricht das eher für steigende Kurse. Kommt der Kurs nicht in deren Nähe, ist ein langfristiges Investment möglich, aber andere Titel sind wahrscheinlich interessanter.

Fazit: Bei der Aktienwahl genau hinsehen

Die wenigen Anhaltspunkte können allein betrachtet bereits Tendenzen aufweisen. In Kombination jedoch werden sie zu einem guten Instrument, um das Potenzial der Aktie einzuschätzen – übrigens nicht nur in Krisenzeiten. Zusammen mit den aktuellen Änderungen der Ratingagenturen ergibt sich ein recht gutes Bild, ob das Wertpapier eher Chancen oder Risiken birgt. Wer jetzt wieder einsteigen möchte, kann mit kritischem Blick aber nicht nur Risiken erkennen, sondern wirklich interessante Schnäppchen finden.

Daniel Weber