Britische Lebensversicherung

Die sogenannte britische oder auch englische Lebensversicherung heißt so, weil sie von Versicherungsgesellschaften aus Großbritannien angeboten wird. Die Gesellschaften bieten ihre Produkte aber natürlich auch in Deutschland und in anderen Staaten der Europäischen Union an. Deutschland als wirtschaftlich führendes Land ist natürlich attraktiv und verfügt somit über einen hart umkämpften Markt.

Die englische Lebensversicherung ist keine Bezeichnung für genau eine spezielle Art der Lebensversicherung, sondern ein allgemeiner Begriff für verschiedene Lebensversicherungen und Rentenversicherungen britischer Herkunft.

Der Lebensversicherungsmarkt in Großbritannien hat eine große, fast 200-jährige Tradition. Der Markt dort ist der drittgrößte Lebensversicherungsmarkt der Welt und europaweit der Größte mit fast 20 % Anteil innerhalb Europas. Fast eine Millionen Deutsche besitzen englische Lebensversicherungen. Die Zahlen sind dementsprechend gigantisch: Die britischen Lebensversicherungsgesellschaften verwalten über 1000 Milliarden britische Pfund und zahlen täglich fast 250 Millionen britische Pfund an Ansprüchen der Versicherten aus. Sie verfügen über große Macht, auch deshalb, weil sie fast ein Fünftel der britischen Aktien als institutionelle Anleger halten.

Die Lebensversicherungsverträge werden aus den gleichen Gründen wie bei allen anderen Lebensversicherungen abgeschlossen: Die Anleger wollen Kapital vermehren, privat für das Alter vorsorgen oder Darlehen absichern. Üblich sind kapitalbildende Versicherungsformen mit Überschussbeteiligung, fondsgebundene Versicherungen oder ganz unterschiedliche Mischformen.

Wie in allen EU-Ländern üblich müssen alle wichtigen Details eines Lebensversicherungsvertrages vor dem Abschluss offen kommuniziert werden. Dazu gehören unter anderem das Anlageverfahren der Gelder der Versicherungsgesellschaft, die genauen Bedingungen des Versicherungsvertrages, Vertragsrecht, Beiträge und Risiken. Üblich sind ebenfalls unverbindliche Rechnungen mit angenommenen Wertentwicklungen auf der Basis verschiedener Wachstumsmodelle abzüglich der Beiträge. So können Renditen – natürlich unverbindlich – prognostiziert werden.

Nicht erst seit Beginn der großen Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 ist die Absicherung von Geldanlagen – auch in Form von Lebensversicherungen – ein großes Thema. Dazu gibt es bei den englischen Lebensversicherungen die Versicherungsaufsicht und die „Policyholder Protection Act“, die eine zusätzliche gesetzliche Grundlage zur Absicherung der Anleger im Falle einer Insolvenz von Versicherungsgesellschaften darstellt. Zudem gibt es weitere Schutzmechanismen wie den Sicherungsfonds „Financial Services Compensation Scheme“. Dieser ist für britische Versicherungen verpflichtend und deckt im Fall einer Pleite die ersten 90 % der Vertragswerte inklusive Überschüsse ab.

Glättung (Smoothing) der Kapitalertrags-Ergebnisse

Die englische Form der Überschussbeteiligung bewirkt, ähnlich wie bei den Formen kontinentaleuropäischer Gesellschaften, ein sogenanntes „Smoothing“, also eine Glättung, der recht starken Schwankungen in den Kapitalanlage-Ergebnissen. Ob das allerdings gerecht ist, sei dahingestellt. „Aussetzer“ nach oben werden üblicherweise zurückgestellt und nicht ausgeschüttet, um in schlechteren Zeiten einen Ausgleich stellen zu können. Wie hoch die Überschussanteile bei britischen Lebensversicherungen ausfallen, bestimmen diese im Rahmen eines eigenen Ermessensspielraumes, den man von Versicherungsgesellschaften im übrigen Europa nicht kennt. Dort sind die rechtlichen Hürden für so ein Vorgehen zu hoch.

Wegen dieser speziellen Politik der Überschuss-berechtigten Versicherungen sind die englischen Lebensversicherungen so beliebt. Dass diese Art der Geldanlage aber scheitern kann, zeigte sich im Rahmen der Finanzkrise ab Ende 2008 massiv auf dem britischen Markt. Weil es keine gesetzlich garantierte Mindestverzinsung gibt und englische Versicherungen bis zu 100 % des Kapitals in Aktien anlegen dürfen, gab es hier besonders hohe Verluste im Rahmen der Aktienkureinbrüche während der Wirtschafts- und Finanzkrise. Englische Versicherungen werben mit der Aussicht auf bessere Renditen für die Anleger. Oft stimmt das, aber das Risiko ist dennoch höher als bei herkömmlichen, vergleichbaren deutschen Kapitallebensversicherungen.

Die oben beschriebene Glättung, also das Zurückhalten von Überschüssen in guten Jahren für schlechtere Zeiten, ist bei britischen Versicherungen für den Kunden kaum nachvollziehbar, weil es nicht transparent ist. Das führt letztlich dazu, dass auch der Schlussbonus am Ende eines Lebensversicherungsvertrages intransparent bleibt.
Fazit: Britische Lebensversicherungen können gute und bedeutend bessere Renditen abwerfen als herkömmliche andere Lebensversicherungen, eine Garantie dafür gibt es aber nicht.

Unterschied zur deutschen Lebensversicherungen

Der bedeutendste Unterschied zwischen den sogenannten britischen Lebensversicherungen und denen deutscher oder anderer kontinentaleuropäischer Gesellschaften liegt in der Kapitalanlage. Zwar gelten EU-weit die gleichen rechtlichen Bedingungen auf dem Kapitalmarkt, die Unterschiede sind dennoch relativ groß.

So bieten die meisten kontinentaleuropäischen Lebensversicherungen eine vergleichsweise hohe garantierte Ablaufleistung an. In Deutschland müssen seit 2008 die Rückkaufwerte aller Anbieter, also auch der englischen Gesellschaften, während der Laufzeit der Höhe nach garantiert werden. Im Gegensatz dazu sind diese Garantien der britischen Lebensversicherer vergleichsweise niedrig und auch nur zum Ablauf. Garantien auf Rückkaufwerte gibt es üblicherweise hier nicht.

Dieser gravierende Unterschied führt dazu, dass die englischen Versicherungen ihr Kapital wesentlich flexibler anlegen können, zum Beispiel in viel größerem Umfang in Aktien. Die in Deutschland und vielen anderen Staaten gültige Obergrenze von 35 % der gesamten Kapitalanlage einer Gesellschaft gilt für die englischen Lebensversicherungen nicht. Bei fondsgebundenen Lebensversicherungen ist die Anlage im Rahmen des Fondsprospektes frei. Wegen dieser größeren Flexibilität und den vermeintlich besseren Anlagemöglichkeiten haben viele englische Gesellschaften über Jahrzehnte höhere Renditen erwirtschaftet, was ihren großen Erfolg maßgeblich begründet. Im Rahmen der Überschussbeteiligung kommt dies in Teilen den Versicherten zugute. Natürlich sind die Kapitalanlagen dementsprechend auch riskanter und die Ergebnisse sehr schwankend.

Für den Anleger bedeutet dies: Will er mehr riskieren und setzt auf höhere Rendite, kann er es mit englischen Lebensversicherungen versuchen. Denkt er in Geldanlage-Fragen eher konservativ, empfehlen Experten „normale“ Lebensversicherungen. Wegen der großen Schwankungen der Kapitalmarkterträge englischer Lebensversicherungen gibt es auch keine verlässliche Aussage, welche Anlage in welcher Versicherung grundsätzlich besser beziehungsweise gewinnträchtiger ist.
Anleger sollten sich deshalb grundsätzlich gut und umfassend informieren, ehe sie sich für eine Variante entscheiden.

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